
Ein Jahr als Au-Pair in Paris
Die Preisverleihung fand am 25. Oktober während der Jahreshauptversammlung des Verband in Köln statt. Unser Team ist stolz darauf, bereits zum zweiten Mal in Folge ein Au-Pair zu stellen, die diesen Titel gewonnen hat. Franziska stellt ihren Essay an dieser Stelle gerne zur Verfügung, um unseren Leserinnen und Lesern einen Einblick in das Leben als Au-Pair in Frankreich zu ermöglichen. Viel Spaß beim Lesen!
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Schon während der 13 Jahre, in denen ich mir meinen Weg durch den Schul-Dschungel gebahnt hatte, brodelte in mir das Fernweh. Durch meine Babysitter-Jobs, die Arbeit mit den Ministranten meiner Kirchengemeinde und meinem Praktikum auf der Kinderstation im Krankenhaus hatte ich bereits einige Erfahrungen im Umgang mit Kindern gesammelt und entschied mich daher für einen Au-Pair-Aufenthalt.
Das Land meiner Träume stand schon lange fest. Une baguette mit etwas fromage und jambon, dazu ein gutes Glas du vin rouge, im Hintergrund la Tour Eiffel. Kurzum: Ich wollte la vie en rose erleben! Wozu hatte ich denn sieben Jahre lang in der Schule die livres gepaukt? Aus meinen Urlauben in Regionen, in denen man wie Gott in Frankreich lebt, und den Schüleraustauschen wusste ich doch: La France und ich - das passt einfach. Ich fühlte mich bereit, les français persönlich kennenzulernen und es sollte in Paris sein!
Schon bald wurde mir von meiner Au-Pair-Agentur eine Familie vorgeschlagen. Wir verabredeten uns zu einem Skype-Gespräch, bei dem ich alle kennenlernte: Die Eltern Isabelle und Jean, ihre beiden Töchter Alix und Victoire (9+7 Jahre alt) und den vierjährigen Charles, der erst einmal zurückhaltend war. Ich begann das Gespräch mit einem freundlichen „Bonjour“ (Guten Tag) worauf er „Au revoir“ (Auf Wiedersehen) erwiderte. Zum Glück war der Rest der Familie gesprächiger, und ich erfuhr Näheres über meine zukünftige Gastfamilie: Da beide Eltern in Vollzeit arbeiten und öfters geschäftlich auf Reisen sein würden, suchten sie ein „jeune fille au pair“ für ihre reizenden Kinder. Mir wurde mitgeteilt, worin meine Aufgaben im Großen und Ganzen bestehen und wo ich wohnen würde. Für mich würde ein „chambre de bonne“ (das sind ehemalige Dienstbotenzimmer) mit Blick auf den Eiffelturm und Invalidendom im siebten Stock bereit stehen, während die Familie vier Stockwerke tiefer wohnt. Ich war hin und weg (in Gedanken wohl schon eher weg). Nach ein paar Tagen Bedenkzeit für beide Seiten hatten wir uns füreinander entschieden.
Ende August hieß es dann endlich „Paris – Ich komme!“
Im meinem Zielland angekommen, wurde ich von der ganzen Familie herzlich in Empfang genommen. Rückwirkend kann ich sagen, dass dies wohl der Beginn einer großen Freundschaft war. Nach zwei Tagen in Begleitung der Eltern begann der Alltag für die Kinder und mich. In der Regel begann jeder Tag damit, dass ich die Kinder weckte, ihnen das Frühstück zubereitete, sie schulfertig machte, die Betten richtete und regelmäßig neu bezog. Während Alix und Victoire in der école primaire (der Grundschule) und Charles in der école maternelle (dem Kindergarten) waren, besuchte ich an zwei Tagen die Woche je 3 Stunden die Sprachschule. Nachmittags holte ich meine Schützlinge aus der Schule ab, dann stand die Bewältigung der Hausaufgaben auf dem Programm. Unter anderem erklärte ich als Deutsche den französischen Kindern die französische Grammatik – das war anfangs schon etwas seltsam für mich.
Wann immer zwischen diversen Freizeitaktivitäten wie Judo, Tanzen, Tennis und Schwimmen, zu denen ich die Kinder brachte und wieder abholte, Zeit blieb, spielten wir die verschiedensten Spiele. Jeden Abend stand das Duschen aller Kinder auf dem Programm, anschließend kochte ich und wir aßen zusammen Abend. Besonders hoch im Kurs standen deutsche Gerichte wie Kartoffelpuffer und Pfannenkuchen oder lustig aussehendes Essen (z.B. eine Schildkröte aus Würsten und Brot).
An den Mittwochen, die uns durch das frühere Schulende mehr Zeit boten, backten wir sehr oft zusammen Crêpes, Muffins oder Kuchen aller Art. Manchmal machten wir einen Ausflug, z.B. in den Zoo („Wir haben sogar Napoleons gesehen!“ Die Rede war von Chamäleons). Im Winter fuhren wir Schlittschuh vor dem Rathaus und dem Eiffelturm und backten „deutsche“ Weihnachtsbrötchen. Die Kinder lernten die deutschen Bräuche und ich die französischen kennen. Ich nahm an Fastnachtsumzügen, Tanz- und Judoaufführungen der Kinder teil, durchlebte mit ihnen die Läuse und die Windpocken und feierte alle Geburtstage im Familienkreis mit. Trotz einiger Verständigungsfehler im alltäglichen Leben, die die Kinder sehr amüsierten und ich jeden Abend zum Besten geben musste, hatten wir eine sehr gute Zeit zusammen.
Dass ich schon nach relativ kurzer Zeit von meinen Kindern sprechen würde, erstaunte mich dennoch mindestens genauso sehr, wie die Kassiererin im Supermarkt: Für den Geburtstag von Charles hatte ich eine Packung Bonbons und eine singende Kerze ausgesucht. Auf die Frage, ob dies für meinen Geburtstag sei, verneinte ich und erklärte, dass es der Geburtstag meines kleinen Jungen sei. Einen Moment schaute mich die Dame irritiert an, dann fragte sie, wie alt das Kind denn sei. „5“ antwortete ich. Und wie alt ich sei? „19“. Jetzt war ihr Gesichtsausdruck geschockt. Da ging mir ein Licht auf, ich bedankte mich und verließ schnell den Laden.
Aber auch andere hatten ihre peinlichen Erlebnisse mit der fremden Sprache: So bestellte eine ebenfalls deutsche Freundin aus meinem Sprachkurs ihren Kaffee à apporter (zum apportieren), statt à emporter (zum mitnehmen).
In meiner Freizeit unternahm ich viel mit meinen Freunden, die ich schnell in der Sprachschule gefunden hatte. Alleine oder gemeinsam mit ihnen entdeckte ich mein Paris.
Persönliche Highlights? Stars gucken bei der „Fashion Week“ und der Nationalfeiertag am 14. Juli mit der imposanten Militärparade und dem wunderschönen Feuerwerk!
Aber auch das Schulfest der Kinder zum Thema „Europa“ hat mich schwer beeindruckt!
Während im Juni die Fußball-Weltmeisterschaft in Brasilien begann, neigte sich mein Au-Pair-Jahr langsam dem Ende zu. Viele Spiele schauten wir gemeinsam an. Besonderes Konfliktpotenzial bot das Spiel Deutschland gegen Frankreich. Die Kinder entschieden aber: „Wenn Frankreich verliert, sind wir für Deutschland!“. Gibt es ein besseres Beispiel für Völkerverständigung?
Mitte Juli ging dann mein aufregendes, lustiges, interessantes, manchmal anstrengendes und lehrreiches Jahr in Paris zu Ende. Für meine persönliche Entwicklung war dieses Jahr in Paris von großer Bedeutung. Ich habe für mich und die Kinder alles selbstständig organisiert und große Verantwortung übernommen. Ich habe viele praktische Erfahrungen im Umgang mit Kindern gemacht.
Ich bin offener und toleranter geworden für Menschen aus anderen Nationen. Ich hatte die Möglichkeit, meine eigene Kultur mit der von Anderen zu vergleichen und dabei die Kulturunterschiede nicht nur einfach hinzunehmen, sondern auch differenzierter zu verstehen. Ich habe Freunde aus verschiedenen Teilen der Welt gefunden.
Meine Weltanschauung hat sich in diesem Jahr sicher zum positiven verändert.
Durch meinen Sprachkurs und den täglichen Umgang mit der französischen Sprache habe ich mein Schulfranzösisch wesentlich verbessert.
Ich habe die französische Mentalität und Lebensart kennengelernt und Paris ist meine zweite Heimat geworden. Im Herzen bin ich auch eine „Parisienne“.
Ich habe mich zu einem deutsch-französischen Studium entschlossen, das mich bald nach Paris zurückführen wird.
Um mit den Worten Edith Piafs zu enden: Je ne regrette rien!
Merci beaucoup Paris ! Vive la France!
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In ungezwungener Atmosphäre im Gaffel, direkt neben dem Kölner Dom, hatten wir Gelegenheit, Franziska kennenzulernen und uns mit ihr auszutauschen. Solche Rückmeldungen sind ein wertvoller und wichtiger Bestandteil unserer Arbeit. Wir wünschen Franziska für ihre weitere Zukunft alles Gute!