
Erfahrungsbericht Au-Pair in England - von Nguyen Thi Hoa
Hoa aus Berlin war fast ein Jahr als in Cheshire. Sie hat uns einen sehr schönen Erfahrungsbericht und viele schöne Bilder aus ihrer Zeit als Au-Pair in England geschickt. Wir wünschen viel Spaß beim Lesen und Miterleben!
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10 Monate England war wohl einer meiner besten Entscheidungen, die ich jemals getroffen habe. Die Idee ins Ausland zu gehen, kam mir bereits Ende der 11. Klasse in den Sinn. Zumal viele meiner Freunde mit der Idee eines Auslandsjahres spielten, einige wollten ein FSJ machen, einige Work & Travel, einige Au-Pair. Da ich ehrenamtlich mit Kindern zu tun habe, war Au-Pair das Beste, was ich machen konnte. Die Vermittlung ging überaschenderweise sehr schnell – ich hatte mich aus persönlichem Grunde recht spät beworben und hatte befürchtet, dass es nicht mehr klappen würde. Doch bereits eine Woche, nachdem ich meine Bewerbung eingereicht hatte, schickte mir Gabriel einen Familienvorschlag. Danach ging alles recht flott – einige E-Mails, ein Telefonat, einmal Skypen - bis ich mich für die Familie entschieden habe. Sobald ich die endgültige Bestätigung von meiner Gastfamilie bekam, buchte ich meinen Flug und verabschiedete mich natürlich bei all meinen Freunden. Ich war zwar traurig, weil ich wusste, dass ich meine Familie und Freunde für eine ganze Weile nicht sehen werde, war aber andererseits total aufgeregt und gespannt, was mich erwarten würde. Sorgen machte ich mir auch: Was wäre, wenn meine Gastfamilie ganz anders werde als ich sie mir erwarte? Was wäre, wenn die Kinder mich nicht mögen werden? Was wäre, wenn ich keine Freunde finden werde?

Meine Gastmutter hatte mich vom Flughafen abgeholt und sie zeigte mir gleich am ersten Tag die Kleinstadt Wilmslow, von dem ich vorher noch nie etwas gehört hatte. Sie zeigte mir das Haus, mein Zimmer und die Grundschule. Meine Aufgabe wird es nun sein auf drei Kindern aufzupassen: Ellie 13 Jahre, William 10 Jahre und Alexandra 6 Jahre. Ich kann mich noch ganz gut daran erinnern, wie Alex anfangs zu mir sagte: “Let’s just play together. I don’t understand what you are saying - you don’t need to talk.“ Ich war in dem Moment natürlich total baff und eingeschüchtert, aber wenn ich jetzt zurückdenke, muss ich nur noch darüber lachen. Die ersten Wochen waren schwierig, man hatte sich fremd gefühlt und in der englischen Sprache war ich sowieso noch nie sicher. Ich wusste nicht, wie ich mich gegenüber meinen Gasteltern verhalten sollte, worüber ich mich mit ihnen unterhalten könnte und die Kinder hatten mich auch noch nicht als Bezugsperson akzeptiert. Aber aller Anfang ist schwer. Also keine Sorge, wenn es anfangs nicht so läuft, wie du dir es erhofft hast. Je mehr Zeit du mit den Kindern verbringst, desto mehr wachsen sie dir ans Herz. Es gibt natürlich Phasen, da können sie dir das Leben zur Hölle machen – dann heißt es, tief durchatmen, auch mal schimpfen und streng sein, denn erst so lernen sie, dich zu schätzen. Vor allem mit Alex musste ich oft schimpfen und dann kommt es schon vor, dass sie sagt, sie hasse mich. Aber 10 Minuten später kommt sie angerannt, entschuldigt sich und will mit mir spielen oder malen. Alex und ich stritten uns sogar manchmal, was eigentlich nur hieß, dass wir uns lieb haben. Ich war nicht mehr nur ein Au-Pair im Haus, ich war eine Art große Schwester für sie. Ellie war die Älteste und mit ihr hatte ich am wenigsten zu tun gehabt, aber wir konnten uns trotzdem nett unterhalten, ich half ihr auch bei ihren Deutsch Hausaufgaben und eines Tages bin ich sogar mit ihr alleine nach Manchester gefahren. William hatte eine schwierige Zeit durchgemacht, denn er konnte den Umzug aus London nicht so gut verarbeiten wie die Mädels, aber auch mit ihm verstand ich mich mit der Zeit immer besser, zumal ich mich immer für seine Sportarten und Scout interessiert hatte. Alex, die anfangs nicht gerne mit mir spielte und ständig an meine Gasteltern hing, ließ mir später gar keine Ruhe mehr. Auch mochte sie es anfangs gar nicht, dass ich sie zu Bett bringe. Mit ihr habe ich die meiste Zeit verbracht und glaubt mir, egal wie nervig und anstrengend die Kleinen sein können, irgendwie vermisst du es schon ein bisschen, wenn du zurück zu Hause bist. Meine Gasteltern sind ebenfalls nett und sehr offen. Mit der Zeit konnte ich ihnen alles erzählen und wir scherzten auch hin und wieder. Außerdem hatte ich ein wundervolles älteres Ehepaar als Nachbarn, die sich ebenfalls um mich sorgten und Zeit mit mir verbracht haben.
Schade war nur, dass mich meine Gastfamilie aufgrund mangelnden Platzes im Auto nicht überall mitnehmen konnten. Umso glücklicher bin ich darüber, dass ich so viele gute Freunde in England gefunden habe. Gleich am ersten Wochenende zeigte mir ein anderes Au-Pair nochmal Wilmslow, erzählte mir, dass ganz viele Au-Pairs in Wilmslow wohnen und nachdem ich bei einem Au-Pair Treffen dabei war, fand ich immer mehr und mehr Freunde. Ohne sie wäre mein Auslandjahr niemals so schön geworden. Man lernt wirklich sehr schnell neue Leute kennen. Aber irgendwann hast du deine Gruppe gefunden, mit der du die meiste Zeit verbringst und mit der du über alles reden kannst. Man tauscht seine Erfahrungen aus, kann sich ausheulen, kann witzige Momente teilen, England, Schottland und Wales bereisen und sich gegenseitig unterstützen. Nutzt die Wochenenden aus um zu reisen und euch mit Freunden zu treffen, ihr werdet es nicht bereuen. Auch wenn das Reisen ganz schön teuer sein kann, letztendlich lohnt es sich und wenn man alles gut im Voraus plant, kann man schon eine ganze Menge sparen. Ich habe zudem auch noch einen Sprachkurs besucht, der auch nicht billig war, den ich aber immer gerne besucht hatte. Meine Lehrer waren super freundlich und haben ab und zu auch Exkursionen gemacht, wir sind mit den Lehrern Mittagessen gegangen und neue Freunde konnte ich dort auch kennenlernen. Sprachkurs und Reisen ist nicht billig - Ich habe mir dennoch immer eingeredet, dass ich nur einmal 10 Monate im Ausland sein werde und diese Zeit auch gefälligst ausnutzen sollte. Ich wollte so viel wie möglich von der UK sehen und meine Liste durcharbeiten, was mir recht gut gelungen ist. Aber es gab Wochenenden, an denen wir uns einfach nur zu einem Kaffee getroffen haben oder im Park gechillt haben. Wir haben später auch öfter zusammen gekocht, Dinnerparties, Filmabende und Sleepover gemacht oder uns zum Barbecue oder Picknick im Park getroffen. Egal was man macht, das Schönste ist, dass man nicht alleine ist. Denn dadurch hatte ich nicht großen Heimweh. Ich war auch in den 10 Monaten drei Mal zu Hause und mein Bruder und vier Freunde haben mich zu meinem Geburtstag besucht. Außerdem gibt es Whatsapp und Skype – was wäre das Jahr nur ohne Internet gewesen?! Natürlich gibt es Tage, an denen ich mir wünschte, ich wäre jetzt bei meiner Familie in Berlin – am meisten, wenn man alleine im Haus hockt und es draußen noch dazu regnet oder wenn die Kinder einfach nicht auf dich hören wollen. Aber ich denke ein bisschen Heimweh gehört einfach dazu, denn so freust du dich umso mehr auf Zuhause.
Zum Ende hin wurde mein Verhältnis mit meiner Familie besser und besser, sie hatten sich außerdem ein neues großes Auto gekauft und konnten mich bei Ausflügen mitnehmen, mit meinen Gasteltern und den Kindern verstand ich super – die Kinder hatte ich mittlerweile im Griff - mit meinen Freunden genoss ich noch die letzten Wochen in England und glücklicherweise auch das schöne Wetter in England. In Manchester hatte es schon viel geregnet. Was mir über das englische Wetter erzählt wurde, stimmte in der Tat: Man weiß nie, wie das Wetter sein wird, ob es regnet oder ob die Sonne scheint oder doch beides? Der Regen kann einen schon richtig nerven, aber wenn man sich beschließt, nach England zu gehen, gehört dies eben dazu.
Jedenfalls freute ich mich auf meine Familie und Freunde in Berlin, war aber andererseits auch traurig über die ganzen Abschiede. Ich bin mit dem Jahr viel offener und selbstbewusster geworden, durfte wundervolle Erfahrungen sammeln und konnte mein Horizont erweitern, habe eine wundervolle Gastfamilie, liebe Nachbarn und tolle Freunde aus aller Welt kennengelernt, mit denen ich auf jeden Fall den Kontakt pflegen werde. Das Auslandsjahr habe ich mit einem lachenden und einem traurigen Auge beendet. Danke an allen, die Teil dieses Auslandsjahres waren, für all diese unvergesslichen Erinnerungen. Ich kann jedem das Au-Pair Jahr nur empfehlen. Natürlich hört man schlechte Erfahrungen, die einem vielleicht abschrecken, aber mit einer Organisation kann man wirklich nicht viel falsch machen. Ich habe Freunde gefunden, die die Gastfamilien wechseln mussten und nun glücklich sind. Man muss sich einfach nur trauen!
Liebe Grüße,
Hoa
“The journey of a thousand miles begins with a single step.” ― Lao Tzu
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Wir sind sicher, dass dieser Bericht Ihnen, sofern Sie planen als Au-Pair ins Ausland zu gehen, eine wertvolle Entscheidungshilfe sein kann. Natürlich bedanken wir uns auch ganz herzlich bei Ihnen, liebe Hoa, und wünschen Ihnen für Ihre Zukunft alles Gute!