
Erwartungen an Au-Pairs aus Madagaskar
Nachdem ich in den vergangenen Monaten schon die Heimat unserer Au-Pairs aus Georgien, der Au-Pairs aus der Mongolei, der Au-Pairs aus Kolumbien und der Au-Pairs aus Nepal vorgestellt habe, möchte nun einen Beitrag den jungen Menschen widmen, die aus Madagaskar als Au-Pair zu uns kommen. Madagaskar hat eine bewegte Geschichte – die Insel war einst eine Pirateninsel, ein Königreich und französische Kolonie, unabhängig ist das Land seit 1960. Für Jungen und Mädchen ist der Schulbesuch in Madagaskar eigentlich obligatorisch, nicht alle Kinder haben aber Zugang zu einer Schule in erreichbarer Nähe und nicht alle Eltern können es sich leisten, ihre Kinder zu Schule zu schicken, da sie für Bücher, Hefte, Stifte und Uniformen selbst aufkommen müssen. Die Analphabetenrate liegt daher noch immer bei über 30%. Die Grundschule dauert in Madagaskar fünf Jahre, gefolgt von einer Sekundarschule von vier Jahren und einem weiteren Zyklus (Gymnasium) von vier Jahren bis zum Abitur (baccalauréat). Eine sehr hohe Anzahl der jungen Menschen, die ihre Schulbildung abschließen, möchte anschliessend studieren. Bei weitem nicht alle derjenigen, die auch das schaffen, finden allerdings im Anschluss eine adäquate Beschäftigung auf der Insel, deren Hauptexportgüter Kaffee und verschiedene Gewürze sind.
Wie schon in den vorherigen Beiträgen, habe ich auch hier unsere Partner in Antananarivo gebeten, uns einige Fragen zu beantworten. Die Leiterin der dortigen Organisation hat in Madagaskar Deutsch studiert und begleitet alle zukünftigen Au-Pairs sehr engagiert auf ihrem Weg durch den Bewerbungsprozess.
Wie bereiten sich die Au-Pairs auf den Aufenthalt in Deutschland vor und wie lange dauert der ganze Vorbereitungsprozess in etwa?
Im Allgemeinen dauert der ganze Vorbereitungsprozess zwischen sechs und zwölf Monaten. Zuerst müssen die Au-Pairs ihren Deutschkurs abschließen und die A1-Prüfung am Goethe-Institut machen. Während des Deutschkurses erfahren sie auch vieles über Deutschland (Kultur, Sehenswürdigkeiten, Lebensweise, Familienleben, Kindererziehung, Freizeitaktivitäten). Wir versorgen die Bewerber(innen) mit Informationsmaterial, wie Bücher, Zeitschriften, CDs u.ä. aus Deutschland - manchmal werden im Goethe Institut deutsche Dokumentarfilme gezeigt, die wir anschauen. Zudem machen wir einen deutschen Kochkurs, um einen Einblick in die Küche des Gastlandes zu geben. Sowie die A1-Prüfung abgelegt wurde, werden die Bewerbungsunterlagen vorbereitet und solange das Vermittlungsverfahren läuft, besuchen die zukünftigen Au-Pairs dann einen A2-Kurs.
Was sind wichtige kulturelle Unterschiede, die man als Gastfamilie kennen sollte, wenn man ein Au-Pair aus Madagaskar einlädt?
Junge Leute in Madagaskar respektieren ältere Menschen sehr, das ist hier sehr typisch und in der Erziehung begründet. Ich finde auch, dass die Menschen hier generell sehr hilfsbereit sind und das nicht nur innerhalb ihrer eigenen Familie und ganz gewiss nicht nur, um beispielsweise Geld zu verdienen. Man hilft sich einfach gerne gegenseitig. Die meisten madagassischen Mädchen dürfen abends nicht allein ausgehen, sie bleiben in aller Regel eher zu Hause und richten sich auch nach den Regeln ihrer Eltern, selbst wenn sie schon volljährig sind. Selbst Übernachtungen bei Freunden sind eher ungewöhnlich. Man ist eher familienverbunden und verbringt seine Zeit gerne zu Hause. Die große Mehrheit der Madagassen ist christlich, man achtet aber auch andere Religionen. Madagaskar ist ein friedliches Land, die meisten Au-Pairs sind eher ruhig, bescheiden und tolerant – sie mögen keinen Streit und versuchen, über Probleme offen und ehrlich miteinander zu sprechen. Wie aber auch in Deutschland, interessieren sich die meisten jungen Menschen sehr für Musik, sowohl traditionelle Musik, als auch Jazz, Hip Hop, Rock, Soul oder Gospel.

Gibt es Unterschiede in der Kinderziehung?
In Madagaskar leben die meisten Menschen in recht großen Familienverbänden, also auch mit den Großeltern, die ebenfalls an der Erziehung der Kinder teilhaben. Wie ich schon vorher erwähnte, gelten generell die Regeln der Eltern bzw. Großeltern und Kinder müssen das so respektieren. Da die meisten Eltern arbeiten, sind die Kinder hier schon relativ früh sehr selbstständig, d.h. sie helfen selbstverständlich im Haushalt oder beim Kochen, da nicht alle Familien eine Hilfe oder einen Babysitter haben. Die Kinder hier besuchen gerne die Schule, denn dort wird ihnen vieles geboten, wie beispielsweise Computer oder andere Technologien, oder auch Dinge wie Schwimmen oder Sport. Bei weitem nicht jedes Kind hat hier einen Computer oder Computerspiele, oder die Zeit bzw. das Geld regelmäßig Sport zu treiben. Eltern bemühen sich in der Regel ihre Kinder sowohl in der Schule, als auch später beim Studium zu unterstützen, denn sie wissen, das dies für ihre Zukunft sehr wichtig ist. Allerdings sind hier die Ressourcen leider zuweilen begrenzt.
Wo sind Unterschiede in der Ernährung zu finden?
Im Bereich des Essens gibt es viele Ähnlichkeiten. Die Menschen in Deutschland essen gerne Kartoffeln – das tut man hier auch. Generell wird viel Gemüse, Brot, Käse, Butter, Marmelade, Suppe, Fisch, Schweine- und Rindfleisch, Wurst und Obst gegessen. Unterschiede sind eher in der Art der Zubereitung zu finden. Die Hauptspeise in Madagaskar aber ist Reis. Wir haben viele Rezepte mit Reis wie Reissalat, Reis mit Wurst und Currysoße, Reis mit Gemüseblättern und Fleisch oder Fisch. Typisch für deutsches Brot sind die dunkle Farbe und die wohlschmeckenden Sorten, welche mit Vollkornmehl gebacken werden. Typisches madagassisches Brot heißt „mofo gasy“. Das ist weiß und süß und wird in einem traditionellen Herd gebacken.

Was versprechen sich die Au-Pairs von einem Aufenthalt in Deutschland?
Dieses Programm bietet den jungen Menschen die einmalige Möglichkeit zu einer Auslandserfahrung – sie möchten gerne etwas Neues lernen und Erfahrungen sammeln. Alle Au-Pairs sind sehr kinderlieb und verbringen ihre Zeit gerne im Kreis einer Familie, deswegen ist das Au-Pair-Programm ein perfekter Rahmen für sie.
Sollten Sie es in Erwägung ziehen, ein Au-Pair aus Madagaskar in Ihre Familie einzuladen (oder das bereits getan haben), so hoffe ich, dass Sie auf diesem Weg noch sehr viel mehr über diesen interessanten Inselstaat erfahren werden!